Fachtag: Klimabotschaften – Perspektiven und Skizzen (15. Juni 2024, 10-18 Uhr)

Das TBB-Projekt Klimabotschafter*innen im Kiez (KliK) lädt herzlich zu seinem abschließenden Fachtag ein, dessen Programm neben Vorträgen, Panels und einem Koch-Workshop auch die feierliche Übergabe der Teilnahmebescheinigungen an die Multiplikator*innen und die Präsentation einer Publikation mit Workshop- und Exkursionsberichten sowie Beiträgen der Teilnehmenden beinhaltet.

Ort: Miriam Makeba Saal der Berlin Global Village gGmbH, Am Sudhaus 2, 12053 Berlin-Neukölln

Da die Plätze begrenzt sind, bitten wir um eine Anmeldung bis zum 10.06.2024:

anmeldung@tbb-berlin.de.

Der Fachtag Klimabotschaften – Perspektiven und Skizzen ist eine Veranstaltung des Projekts Klimabotschafter*innen im Kiez (KliK), in Trägerschaft des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg e.V. (TBB) und gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, in Kooperation mit moveGLOBAL e.V..

https://www.tbb-berlin.de/projekte/klimabotschafterinnen-im-kiez-klik


Exkursion 6: „Die Müllsortierungsanlage der ALBA Berlin GmbH in Berlin-Mahlsdorf“

Modul 2 ­– Klimabewusster Haushalt

30.4.2024

Heute führt uns Sandra Völker, die für die Öffentlichkeitsarbeit der ALBA Berlin GmbH zuständig ist, über ein Gelände am Rand von Mahlsdorf, wo Papier- und Kunststoffmüll sortiert wird. Nachdem wir aus Sicherheitsgründen alle neongelbe Warnwesten angezogen haben, begeben wir uns in eine der Hallen, wo Unmengen an Plastik in atemberaubender Geschwindigkeit auf Fließbändern an uns vorbeirauschen. Vermittels modernster Technik werden hier unterschiedliche Kunststoffsorten, die von Berliner Bürger*innen in gelbe Tonnen geworfen wurden, voneinander getrennt und danach weiteren Recyclingprozessen zugeführt.

Später erzählt uns Frau Völker, dass die Sortierung an diesem Standort bis in die frühen 2000er Jahre noch manuell vonstatten ging, im Jahre 2004 dann aber automatisiert wurde. Leider trennen viele Menschen ihren Müll nicht richtig, so dass täglich fast 1/3 des hier anlaufenden Materials weder als Papier noch als Kunststoff wiederverwertet werden kann, sondern als Restmüll zu Verbrennungsanlagen weitertransportiert werden muss. Überall auf dem Gelände von ALBA in Mahlsdorf werden solche Pakete von riesigen LKWs verladen und wieder auf die Reise geschickt. Dank der Ausführungen unserer Exkursionsleiterin werden wir ab jetzt einen anderen Blick auf unsere privaten Mülltonnen werfen.

https://www.alba.info

Recycling? Funktioniert! – Wertstoffe sind Rohstoffe (recycling-funktioniert.de)



Exkursion 5: „Das Summen der Bienen und Wildbienen“ mit Silke Meyer von der Mellifera Regionalgruppe Berlin e.V. auf dem Gelände des Prinzessinengarten Kollektivs in Neukölln

Modul 3 ­– Nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung

20.4.2024

Wir haben Glück mit dem Wetter heute. Pünktlich zu Beginn unserer Exkursion auf dem Neuen St. Jacobi Friedhof in Neukölln, wo das Prinzessinengarten Kollektiv verortet ist, endet der Aprilregen und die Sonne zeigt sich wieder. Heute wird uns Silke Meyer von der Mellifera Regionalgruppe Berlin e.V. demonstrieren, was wesensgemäße Bienenhaltung bedeutet. Bevor wir uns mit Imkerschleiern an einen der Bienenkästen begeben, um dort zu sehen, wie das dortige Bienenvolk seine Waben baut, erklärt uns Silke, dass städtische Umgebungen günstig für Bienen sind, weil sie hier nicht der Gefahr von Pestiziden wie Glyphosat ausgesetzt sind. Um einen Holztisch versammelt erfahren wir von den vielen verschiedenen Bienenarten und lernen den Unterschied zwischen Königinnen, Drohnen und Arbeiterinnen kennen. Im Anschluss an Silkes Ausführungen folgt der praktische Teil des heutigen Tages, bei dem wir vom Summen der Bienen umgeben sind. Am Ende kosten wir deren Honig und essen auch Bienenbrot, das saurer als Honig, aber ebenso lecker schmeckt. Dann verabschieden wir uns mit einem Applaus für Silke.

Mellifera Regionalgruppe Berlin – Wesensgemäße Bienenhaltung und Imkerei (mellifera-berlin.de)

silke meyer ♦ SALZUNDHONIG ♦ Design, Kunst & Bienenkultur

prinzessinnengarten kollektiv berlin | (prinzessinnengarten-kollektiv.net)



Workshop 12: „Verkehrswende und Bürgerbeteiligung”

von Regine Wosnitza

(VCD Nordost e.V.)

7.3.2024

Modul 6 ­– Verkehrswende und nachhaltige Mobilität

Nahe der S-Bahn-Station Yorckstraße, an einem stark von Autos frequentierten Ort in Schöneberg, befinden sich Räumlichkeiten, die vom Landesverband Nordost des Verkehrsclubs Deutschland e.V. (VCD) für seine Aktivitäten im Bereich des nachhaltigen Verkehrs genutzt werden. Dort kehren wir heute für unseren zwölften und letzten Workshop ein, um von Regine Wosnitza zu erfahren, wie unterschiedliche Facetten der Verkehrswende mit Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung zusammenhängen. Wir versammeln uns an einem Tisch, auf dem Regine Getränke, Kekse und Erdnüsse bereitgestellt hat. Der VCD setzt sich u.a. dafür ein, die Anzahl von Autos in unseren Städten zu reduzieren und öffentlichen Raum anders zu nutzen. Regine erklärt uns, dass öffentlicher Raum allen gehört und auf vielerlei Weise gestaltet werden könnte, aber leider von Autos dominiert wird, die ein Platzproblem mit sich bringen, ob sie nun fahren oder geparkt werden.

Als Beispiel für eine nachhaltige Umgestaltung von öffentlichem Raum nennt Regine die Bergmannstraße in Kreuzberg, die mit Beteiligung der Anwohner*innen in einem längeren Prozess für den Fußverkehr konzipiert wurde. Im Anschluss an ihre Ausführungen hierzu will Regine wissen, ob die Verkehrswende in unseren jeweiligen Communities ein Thema ist, woraufhin mehrere Teilnehmende des heutigen Workshops ihre Perspektiven in die Diskussion einbringen. Sallaheddin antwortet, er gehe eigentlich immer in der Stadt, auch längere Strecken, jeden Tag mehr als zehn Kilometer. Mustafa erzählt von seiner Fahrradgruppe am Wannsee. Marinette findet es schade, dass viele Menschen nur deshalb kein Auto fahren, weil sie sich keins leisten können.  

Das nächste Thema des heutigen Nachmittags sind temporäre Spielstraßen. Sophie weiß, dass es sich hierbei um die zeitweise Sperrung von Straßen für Autos im Sommer handelt, die dann von Kindern zum Spielen genutzt werden können. Sie werden meistens von der jeweiligen Nachbarschaft initiiert. Marinette erinnert sich, während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres an der Umsetzung solcher temporären Spielstraßen in Neukölln mitgewirkt zu haben. Wie lassen sich temporäre Spielstraßen konkret organisieren? Hierzu brauche es zunächst eine Kooperationsvereinbarung mit dem jeweiligen Bezirk. Dann würden entsprechende Verkehrszeichen aufgestellt und im Vorfeld Infozettel mit Angaben zu Zeit und Ort an Autos angebracht. Jetzt zeigt uns Regine eine Karte, die alle regelmäßig realisierten temporären Spielstraßen in Berlin zeigt.

Im Anschluss erläutert uns die Workshopleiterin, worum es bei der Kidical Mass geht. Zunächst will Regine wissen, wer von uns Kinder oder Enkel hat. Daraufhin sagt sie, die Kidical Mass sei ein Demoformat speziell für Familien, in dessen Rahmen Eltern mit ihren Kindern auf Fahrrädern von der Polizei begleitet auf festgelegten Routen durch die Stadt radeln. Dadurch wird das Radfahren im öffentlichen Raum sichtbarer als im gewöhnlichen Alltag.

Als zwei weitere Beispiele zur nachhaltigen Mobilität nennt Regine nun die fLotte Berlin und den Parking Day. Die fLotte Berlin bietet an vielen Orten Berlins Lastenräder zum kostenlosen Verleih an, und das für bis zu drei Tage. Bei ihr handelt es sich um ein Projekt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs e.V. (adfc), der hierfür mit Läden, Nachbarschaftszentren, Bibliotheken und anderen kooperiert. Neben Lastenrädern bietet die fLotte Berlin inzwischen im Programm fLotte-sozial auch Rikschas und Lastenräder an, auf denen Rollstühle transportiert werden können. So kommen mobilitätseingeschränkte Menschen in den Genuss von Ausfahrten. Beim weltweit jeweils am dritten Freitag im September stattfindenden Parking Day wiederum geht es darum, Parkplätze in etwas anderes zu verwandeln und dadurch öffentlichen Raum anders als gewöhnlich zu bewohnen. Regine will wissen, was wir tun würden, wenn wir einen Parkplatz mit 12 Quadratmeter Fläche nach unseren Vorstellungen bespielen könnten: Sallaheddin würde Flöte spielen und Tee kochen. Hoangh würde ebenfalls Tee kochen und dazu Kuchen backen. Vinh würde ein Zelt aufstellen, um darin mit Kindern zu spielen. Mustafa würde Picknick machen. Vinh würde musizieren. Sophie würde Liegestühle und Hängematten installieren und einen Film zeigen, wenn es dunkel wird. Rodrigue würde Sport machen. Marinette würde gemeinsam entspannen und Luft tanken. Elizabeth würde einen kleinen Flohmarkt veranstalten. Stefan würde grillen. Regine würde Federball spielen oder den Kicker-Tisch, der sich im Konferenzraum des VCD Nordost befindet, auf den Parkplatz stellen. Der letzte Block des heutigen Workshops ist der Frage gewidmet, wie sich öffentliche Plätze anders gestalten lassen. Diesbzgl. verweist Regine auf den kleinen Platz vor den Räumlichkeiten ihres Vereins. Dort hat der VCD Nordost eine Nachbarschaftsinitiative gestartet. In diesem Jahr wollen sie alle gemeinsam die großen Baumscheiben bepflanzen. Und sie wollen die BSR überzeugen, mehr Mülleimer aufzustellen. Elizabeth erinnert das an Bürger*inneninitiativen, die in manchen Nachbarschaften Blumen anpflanzen, um sie zu verschönern. Am Ende gehen wir dankbar und angeregt nach Hause.

VCD-Nordost e.V.




Workshop 11: „Engagement mit Hand und Fuß – der Germanwatch Handabdruck”

von Stefan Rostock

(Germanwatch e.V.)

29.2.2024

Modul 1 ­– Grundlagen

Heute, am ersten Tag eines zweitägigen Streiks der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), treffen wir uns wieder online via Zoom, diesmal mit Stefan Rostock, dem Bereichsleiter Bildung für nachhaltige Entwicklung von Germanwatch e.V. in Bonn. Nachdem Sophie ihn vorgestellt und uns in das heutige Thema eingeführt hat, kündigt Stefan an, nach seinem Vortrag mit uns ins Gespräch kommen zu wollen. Er teilt seinen Bildschirm und zeigt uns unter der Überschrift Transformation gestalten lernen eine Gliederung, der er bei seinen Ausführungen zum von Germanwatch entwickelten Konzept des Handabdrucks folgen will. Zunächst möchte er über aktuelle Krisen und deren Herausforderungen für Transformation reden. Nach einem umweltpsychologischen Exkurs wird er dann auf das Programm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE2030) der UNESCO zu sprechen kommen, um schließlich zu erläutern, wie ein ganzheitlicher Lehr- und Lernansatz mit der Idee des Germanwatch Handabdrucks korrespondiert.

Einleitend teilt er uns mit, dass Germanwatch eine 1991 gegründete NGO ist, die sich mit Umwelt-, Menschenrechts-, Bildungs- und Entwicklungsfragen befasst und an ihren beiden Standorten in Bonn und Berlin ca. 120 Mitarbeiter*innen hat. Ihr Motto lautet „Hinsehen – Analysieren – Einmischen“ und sie setzt sich für globale Gerechtigkeit und den Erhalt von Lebensgrundlagen ein. Finanziert wird sie durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, die Stiftung Zukunftsfähigkeit sowie Projektmittel. Ein wichtiges Ziel von Germanwatch ist es, durch andere Rahmensetzungen Deutschland zu mehr Nachhaltigkeit hin zu entwickeln.

Als aktuelle Krisen zählt Stefan die Ernährungskrise, die Gerechtigkeitskrise, die Demokratiekrise und die Biodiversitätskrise auf, die alle zu mehr Unsicherheit führen. Neben diesen Krisen finden jedoch ebenso bereits Transformationen statt. So steigt bspw. in Deutschland der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion. In umweltpsychologischer Hinsicht ist interessant, dass Menschen trotzdem nicht schnell genug auf die Klimakrise reagieren. Informationskampagnen allein reichen nicht, um das zu ändern. Wichtiger als reines Wissen ist dabei die Rolle von Gefühlen und Traditionen, die uns auf einer tieferen Ebene prägen. Daran anschließend thematisiert Stefan das UNESCO-Programm BNE2030, das gesellschaftlich implementiert werden und Strukturen und Institutionen nachhaltig verändern soll.    

Der Hauptteil von Stefans Vortrag ist dem Motto „Engagement mit Hand und Fuß“ und dem Germanwatch Handabdruck gewidmet. Anders als der ökologische Fußabdruck, bei dem es um individuelles Verhalten geht, zielt das Konzept des Handabdrucks auf die Transformation von Strukturen, setzt also auf gesellschaftlicher Ebene an. Das Problem ist dann nicht, wie wir uns in unseren jeweiligen Alltagen als einzelne Personen verhalten, sondern wie wir durch andere Rahmensetzungen unsere Institutionen nachhaltiger gestalten können. Der ökologische Fußabdruck wird durch die individuelle Wahl von Stromanbietern, Konsum und Ernährung, Wohnen und zukunftsfähige Geldanlagen beeinflusst. Leider wächst er mit steigendem Einkommen. Der Germanwatch Handabdruck hingegen soll dazu beitragen, solche schiefen Ebenen auszugleichen und sozial verantwortliches Verhalten zu erleichtern, also vom Alltagshandeln ins politische Engagement zu kommen. Dazu ist es erforderlich, von Einzelentscheidungen zu Grundsatzentscheidungen und von einmaligen Aktivitäten zu anderen Rahmenbedingungen zu kommen. Diesbzgl. stellt Stefan den Handel-O-Mat vor, der auf der Seite von Germanwatch auch online zur Verfügung steht.

Jetzt behandelt Stefan die Frage, was wir jeweils tun können, um Strukturen und Institutionen nachhaltig zu verändern. In Kooperation mit Brot für die Welt hat Germanwatch die Internetseite www.handabdruck.eu erstellt, die als Ideenpool für Handabdrucks-Engagement dient und viele unterschiedliche Materialien enthält. Am Ende schließt unser Referent seinen Vortrag mit zwei Beispielen ab: Zum einen berichtet er von Schüler*innen einer Berliner Schule, die sich 2019 gegen die Nutzung von Flugzeugen im Rahmen von Sprachaustausch-Programmen ausgesprochen haben, zum anderen die Stadtwerke von St. Gallen. Diese hatten erfolglos versucht, grünen Strom zu verkaufen, bevor sie mit einer Universität kooperierten, die ihnen dazu riet, ihren Strom automatisch umzustellen und dabei den Kund*innen ein Widerspruchsrecht zu lassen, das jedoch nur wenige in Anspruch nahmen. Im zweiten Block des heutigen Workshops steht der Austausch zum Germanwatch Handabdruck zwischen allen Teilnehmenden im Vordergrund. Nachdem wir uns in kleineren Gruppen in Breakout-Räumen besprochen haben, präsentieren wir in großer Runde unsere jeweiligen Gedanken, bevor wir Stefan mit einem längeren Applaus für die sehr schöne Veranstaltung danken.

Germanwatch e.V.

Handprint Hub



Auszüge aus dem Zoom-Mitschnitt.

Advents-Kino

Modul 3 – Nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung

7.12.2023

Während draußen die Reste des Schnees der letzten Tage tauen, treffen wir uns zum Abschluss des Jahres im Konferenzraum des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB) in Kreuzberg, um ein paar organisatorische Dinge zu besprechen und im Anschluss daran den Dokumentarfilm Unser täglich Brot (2005) des österreichischen Regisseurs Nikolaus Geyrhalter zu sichten und zu besprechen. Zur Begrüßung verteilt das Projektteam zunächst kleine Geschenke an die KliK-Gruppe, um sich bei den Mitgliedern für deren bisheriges Engagement zu bedanken. Im Anschluss daran gehen wir gemeinsam die Planungen für das kommende Jahr durch, in dem ab Februar zwei weitere Workshops und eine letzte Exkursion stattfinden sollen, bevor KliK am 15. Juni 2024 mit einem Fachtag abgeschlossen wird. In diesem Rahmen wird u.a. eine Broschüre vorgestellt werden, die neben den Berichten mit Soundcloud-Links aller Veranstaltungen auch Beiträge der Multiplikator*innen bspw. in Form von Skizzen und kurzen Texten enthalten soll. Sallaheddin hat bereits Drei Flöten-Soli für die Natur eingespielt, die wir uns zusammen anhören, bevor wir uns in der zweiten Hälfte des heutigen Treffens Geyrhalters filmischer Produktion widmen.

Unser täglich Brot handelt von industrieller Nahrungsmittelproduktion und zeigt in teils drastischen und nur schwer erträglichen Bildern, wie die maschinelle Ausbeutung von Tieren, Pflanzen und Böden eine Entfremdung menschlicher Arbeit mit sich bringt. Der Film kommt, von einer einzigen Dialogszene abgesehen, fast ohne Sprache und Off-Kommentare aus. Seine Bilder sprechen für sich: Wir sehen riesige Treibhäuser und schier endlose Felder der industriellen Landwirtschaft, aus denen massenweise monokulturell angebautes Obst und Gemüse extrahiert werden ebenso wie grausame Eindrücke aus Schlachthäusern, in denen im schnellen Takt der Fließbänder Tiere zu Fleisch verarbeitet werden. In der anschließenden Diskussion sind wir betreten und gehen zum Schluss eher traurig in die Winterpause, haben aber wieder viel gelernt, wie Marie Antoinette es bei unserer vorweihnachtlichen Verabschiedung formuliert.

Trailer zum Film auf der Homepage des Regisseurs



Exkursion 4: Die Ausstellungen „In the End, the Beginning“ und „POLY. A Fluid Show“ im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Neukölln)

Modul 1 – Grundlagen

15.11.2023

An einem kalten Novemberabend trifft sich die KliK-Gruppe im KINDL in Neukölln. In den Räumlichkeiten einer ehemaligen Brauerei werden seit 2016 temporäre Ausstellungen gezeigt. Heute führt uns Eda Nakiboglu durch die beiden Veranstaltungen „In the End, the Beginning“ und „POLY. A Fluid Show“. Anders als in den bisherigen KliK-Workshops widmen wir uns der Klimakrise heute auf eine eher abstraktere Weise, indem wir erfahren, wie Bildende Künstler*innen gegenwärtig visuell mit dem Thema umgehen.

Im Kesselhaus stellt uns Eda die beeindruckende Ausstellung „In the End, the Beginning“ der britischen Künstlerin Emma Talbot vor. Die Installation aus drei riesigen Seidenmalereien und einigen Objekten wurde extra für diese 20 Meter hohe Räumlichkeit des KINDL realisiert. Jedes der Textilien präsentiert eine bestimmte Szene: In der ersten greift Talbot die ökologischen und politischen Katastrophen unserer Gegenwart auf. In der zweiten geht es um natürliche Elemente, die beim Bewältigen der Klimakrise helfen können und die dritte Szene thematisiert die Möglichkeit des Wandels und das Potenzial für Veränderung. Talbot lädt dazu ein, sich zwischen den einzelnen Zuständen zu bewegen und wirft Fragen auf, die sich wie ein roter Faden durch unser KliK-Projekt ziehen: Wie kann es im aktuellen Krisenmoment weitergehen? Wie kann eine positive Transformation stattfinden? Und vor allem: Was können wir dafür tun?

Anschließend führt uns Eda durch die Gruppenausstellung „POLY. A Fluid Show“ im Maschinenhaus, an der neben Talbot auch Cibelle Cavalli Bastos, melanie bonajo, Elolo Bosoka, Kerstin Brätsch, Raquel van Haver, Toni Mauersberg, Thomias Radin, Na Chainkua Reindorf, Lorenzo Sandoval und Mikey Woodbridge mitgewirkt haben. Diese Ausstellung ist etwas loser an die Thematik unseres Projekts gekoppelt, steht jedoch in mehrerlei Hinsicht mit „In the End, the Beginning“ in Resonanz. In ihr geht es hauptsächlich um die Idee einer polyzentrischen Kultur, in der die Grenzen bspw. zwischen geographischen Regionen, Geschlechtern und Generationen verwischt werden und die auf der Homepage des KINDL der aktuell dominierenden Monokultur entgegengesetzt wird. Die Arbeiten, die wir jetzt sehen, sind ästhetisch durch verschiedene Mischverfahren („queering“) geprägt und zwischen Malerei, Skulptur und anderen Genres angesiedelt.

Heute erfahren wir, wie Bildende Künstler*innen aus unterschiedlichsten Kontexten die Klimakrise problematisieren. Diese Krise, das ist zumindest unser Eindruck, stellen manche von ihnen als materielle, ökologische und soziale Krise dar. Das tun sie in Form von Werken, die teilweise aus recycelten Stoffen bestehen und deren Verschmelzung mit digital erzeugten Materialien. Die beiden Aussstellungen zeigen ebenfalls, inwiefern aktuelle Gesellschaften durch postkoloniale Gewaltverhältnisse und einen eher nicht allzu empathischen Umgang von Menschen miteinander geprägt sind.

https://www.kindl-berlin.de/talbot

https://www.kindl-berlin.de/poly



KliK-Workshop 10: „Die Küche, das Bad und die Klimakrise”

von Gülcan Nitsch

(Yeşil Çember ökologisch interkulturell gGmbH)

16.10.2023

Modul 2 ­– Klimabewusster Haushalt

Eigentlich hätten wir uns heute in den Räumlichkeiten von Yeşil Çember im Wedding getroffen, um vor Ort über Chemikalien zu sprechen, die viele von uns in unseren Haushalten verwenden, die jedoch ebenso gesundheits- wie umweltschädlich sind. Aufgrund einer Erkrankung von Gülcan Nitsch haben wir uns spontan dazu entschieden, den von ihr geleiteten Workshop, den letzten in diesem Jahr, online via Zoom abzuhalten. Gülcan ist Gründerin und Geschäftsführerin von Yeşil Çember, was sich mit „Grüner Kreis“ ins Deutsche übersetzen lässt. Seit 2012 bemüht sich Gülcans Organisation darum, ein Bewusstsein für ökologische Themen und nachhaltiges Handeln v.a. in den Communities türkeistämmiger Bürger*innen zu vermitteln. Außerdem unterstützt Gülcan weiß-deutsche Umweltverbände bei ihren Öffnungsprozessen, etabliert europaweite ökologische Netzwerke und hat die Türkisch-Deutschen Umwelttage initiiert, die mittlerweile in vielen Städten stattfinden. Sie freut sich sehr auf den Austausch mit uns als KliK-Gruppe, weil wir heterogen sind und, so ihr Eindruck, in vergangenen Workshops bereits eine Menge an Wissen gewonnen haben, an das sie in der vor uns liegenden Veranstaltung anknüpfen will.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde kündigt Gülcan an, uns in den nächsten Stunden über problematische Inhaltsstoffe informieren zu wollen, die in vielen Putz- und Waschmitteln enthalten sind, die in Bädern und Küchen zum Einsatz kommen. Zu Beginn des Workshops gesteht Stefan, seine Waschbecken regelmäßig mit Chlor zu reinigen, um Kalkspuren zu entfernen und sie glänzen zu lassen. Gülcan findet das gar nicht gut und meint, es gäbe gesundheits- und umweltschonendere Substanzen, welche dieselben Effekte erzielen. Hierüber will sie uns heute aufklären und uns auch Rezepte nahelegen, anhand derer wir auf nachhaltige Weise unsere eigenen Reinigungsmittel produzieren können.

Die schlimmsten Inhaltsstoffe konventioneller Reinigungsmittel sind synthetische Tenside, Duftstoffe und Konservierungsstoffe. Synthetische Tenside werden aus der knappen Ressource Erdöl gewonnen. Obwohl sie laut einer EU-Verordnung „biologisch abbaubar“ sein müssen, ist diese nicht allzu strenge Vorgabe schon erfüllt, wenn nach vier Wochen 60% abgebaut sind. Eine Alternative zum Erdöl sind nachwachsende Rohstoffe wie bspw. Palmöl, dessen Verwendung ebenfalls nicht nachhaltig ist, weil es mit der Abholzung riesiger Regenwaldflächen im globalen Süden zusammenhängt. Deshalb bietet sich der Einsatz von Hausmitteln an, doch dazu später mehr. Duftstoffe wiederum können bei Menschen Allergien und Hautreizungen auslösen. Trotzdem finden sie sich in fast allen handelsüblichen Putz- und Waschmitteln sowie in Weichspülern.

Nur 26 besonders allergene Duftstoffe müssen ab einer Konzentration von 0,01 Prozent als solche deklariert werden. Über das Abwasser gelangen sie in ökologische Kreisläufe, wo sie nur schwer abbaubar sind. Für die Flora und Fauna sind sie reinstes Gift. Dasselbe gilt für antibakterielle Mittel: Sie enthalten Chlorverbindungen, die nicht nur die Atemwege reizen, sondern nachgewiesenermaßen zu hormonellen Änderungen und sogar Krebs führen können. Zusätzlich unterstützen sie leider die Resistenzen von Menschen nicht wohlgesonnenen Mikroorganismen. Selbst die besten Kläranlagen vermögen es nicht, sie restlos aus zukünftigem Trinkwasser herauszufiltern. Stark belastet wird das Abwasser unserer Städte und Gemeinden auch von Bleichmitteln, die mit Chlor wirken, wie die Flasche, die Stefan zu Beginn der heutigen Sitzung präsentiert hat. Natriumhypochlorid ist extrem umweltschädlich und u.v.a. WC-Reinigern, Rohrreinigern, Schimmelentfernern und Desinfektionsmitteln beigemischt. Auch optische Aufheller in Waschmitteln enthalten diese schädliche Substanz, die zu starken Reizungen führen kann, wenn entsprechende Kleidung mit sensibler Haut in Berührung kommt.

Ein weiteres Problem sind PFAS (wasser-, fett- und schmutzabweisende Chemikalien), die bspw. in Kosmetikprodukten, Verpackungen, beschichteten Bratpfannen und Regenjacken enthalten sind. Sie können ebenfalls nicht abgebaut werden und sind in vielerlei Hinsicht schädlich. Diesbzgl. verweist uns Gülcan auf einen interessanten NDR-Beitrag zum Thema. Jetzt zeigt uns Gülcan auf ihrem für unsere Zoom-Session geteilten Bildschirm ein Produkt, welches das Blauer Engel-Siegel trägt. Sie meint, dieses Label sei ein Indikator dafür, dass höhere Standards angelegt würden als nur die Verwendung nachwachsender Rohstoffe. Im Anschluss an ihre Ausführungen zu den vielen problematischen Komponenten herkömmlicher Reinigungsmittel verweist uns Gülcan auf die Internetseite utopia.de. Am Besten sei die Verwendung selbst produzierter Hausmittel, etwa von Waschmittel, das aus Kastanien hergestellt werden kann. Gülcan zeigt uns ein Rezept, das dieses für die aktuelle Jahreszeit sinnvolle Verfahren im Detail erklärt. Auch Geschirrspülmittel lässt sich einfach zu Hause machen. Benötigt werden hierfür nur biologische Kernseife, Wasser, Natron und ätherisches Öl.

Der vorletzte Block des heutigen Workshops ist der vom BUND e.V. angebotenen App ToxFox gewidmet, die wir alle auf unseren Smartphones installieren, bevor Gülcan uns darum bittet, damit die Barcodes von Kosmetikprodukten zu scannen, die wir nun aus unseren Bädern holen und in die Kameras unserer Laptops und Handys halten. Schnell wird uns klar, wie viele gesundheits- und umweltschädliche Substanzen auch in Kosmetikprodukten enthalten sind, die wir tagtäglich auf unserer Haut auftragen, mit denen wir uns ansprühen und unsere Zähne putzen. Obwohl sie zu manchen Produkten noch keine Informationen zur Verfügung stellen kann, wird die ToxFox-App kontinuierlich weiterentwickelt. Es gibt bereits eine Erweiterung, die es ermöglicht, damit Kinderspielzeug zu analysieren, das ebenfalls viele für Menschen, Tiere und Pflanzen ungesunde Komponenten enthalten kann.

Bevor wir unser Treffen mit der Beantwortung der Frage abschließen, was wir jeweils an unserem Konsumverhalten ändern würden, um der Klimakrise entgegenzuwirken, stellt uns Gülcan noch zwei Internetseiten vor. Zunächst den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes und danach die Seite nachhaltiger-warenkorb.de, bei der es sich um einen Ratgeber für Umweltbewusstsein und sozialen Konsum handelt, von dem wir u.a. lernen können, dass 2.000 Liter Leitungswasser aus dem Hahn 1,8 Jahre lang als Trinkwasser reichen und 10 Euro kosten. Denselben Preis haben 18-72 Liter Flaschenwasser aus dem Supermarkt, die für nur sechs bis 24 Tage reichen, je nach konkretem Flaschenpreis und Marke. Am Ende verspricht Stefan, seine Waschbecken in Bad und Küche nie wieder mit Chlor reinigen zu wollen. Alle lachen. Der Rest der Gruppe macht konkrete Vorschläge, etwa Stoff- statt Plastiktüten zu benutzen, auf das Blauer Engel-Siegel zu achten, das Gelernte weiterzuerzählen, ToxFox beim Einkaufen zu verwenden, selber Waschmittel zu machen usw. Begeistert loggen wir uns aus, klappen unsere Laptops zu und machen Feierabend.

Yeşil Çember | Für ökologischen Wandel Menschen interkulturell bewegen (yesilcember.eu)



Exkursion 3: „Plastik-Plastik“ mit Jan-Micha Gamer von Kunst-Stoffe e.V. im Haus der Materialisierung

Modul 5 – Nachhaltiger Konsum

28.9.2023

Heute treffen wir Jan-Micha Gamer von Kunst-Stoffe – Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien e.V., der in der Repair-Szene engagiert ist und daneben für seinen Verein Workshops mit Menschen wie uns organisiert, die mehr über das Thema Re- und Upcycling erfahren wollen. Bevor wir uns später in einem Container versammeln und gemeinsam Skulpturen aus Plastikmüll erstellen werden, führt uns Jan-Micha zunächst durch das Gebäude, in dem viele Vereine wie der seine lokalisiert sind. Während wir durch Gänge und Räume voller Regale und Gegenstände schlendern, erzählt uns der Leiter des heutigen Workshops etwas zur Entstehungsgeschichte des Hauses der Materialisierung: Zu DDR-Zeiten war hier ein Teil der Büros des Hauses der Statistik beheimatet. 2018 kam es dann zu einer Zwischennutzung, die jetzt noch für ein weiteres Jahr andauern wird. Das Gebäude ist von Baustellen umgeben, die sich immer weiter ausdehnen, was auch der Grund dafür ist, dass der Hof bald geräumt werden muss, weil dort neue Immobilien entstehen sollen.

Im Haus der Materialisierung dreht sich alles um Materialströme. Hier können die Bürger*innen Berlins Textilien ebenso abgegeben wie Möbel und alle möglichen weiteren gebrauchten Alltagsgegenstände. Die hier ansässigen Initiativen und Organisationen wollen der Annahme entgegenarbeiten, Dinge müssten notwendig auf dem Müll landen, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben und ihre Zeit scheinbar abgelaufen ist. Jan-Micha zeigt uns eine Reihe von Methoden und Techniken, vermittels derer sich Konsumgüter wieder- und weiterverwerten lassen. Im Haus der Materialisierung werden bspw. aus alten Kleidungsstücken Theaterkostüme, aus alten Lampen Lichtinstallationen und aus alten Fahrrädern Skulpturen angefertigt. Neben solchen künstlerischen Praktiken gibt es hier aber auch Märkte, die regelmäßig geöffnet haben und auf denen Kund*innen relativ günstige Second Hand-Artikel finden können.

Nach rund einer Stunde folgen wir Jan-Micha, der einen mit Objekten aus Hartplastik und Plastikfolien, die wir teilweise selbst mitgebracht haben, gefüllten Einkaufswagen vor sich her schiebt, in einen Container nahe des Alexanderplatzes. Dort findet im Anschluss der praktische Teil der heutigen Veranstaltung statt. Nach den vielen interessanten Inputs während der Führung lernen wir nun, wie sich Plastikmüll bügeln, kleben und tackern lässt, um daraus Skulpturen zu erstellen. Jan-Micha meint, Plastik sei deshalb plastischer als andere Materialien, weil es sich relativ leicht thermisch verformen lasse. Schnell füllt sich der Tisch zwischen uns mit allerlei Objekten. Es entstehen ein Windrad, mehrere Blumen, ein Boot mit Passagieren an Bord, ein Herz aus Flaschenverschlüssen und vieles mehr. Als es draußen schon dunkel geworden ist, begeben wir uns auf den Heimweg. Die Exkursion und der anschließende Workshop haben großen Spaß gemacht.

https://hausdermaterialisierung.org/



Filmische Dokumentation der Veranstaltung.

KliK-Workshop 9: „Das Klima und wir”

von Dr. Maria Martin

(Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung e.V.)

8.9.2023

Modul 1 ­– Grundlagen

Nach der Sommerpause treffen wir uns heute mit Dr. Maria Martin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Wissenschaftspark Albert Einstein, wo auch andere Institute wie u.a. ein Standort des Deutschen Wetterdienstes beheimatet sind. Nachdem sie uns für rund eine Stunde durch das Gelände geführt und dessen bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte geschildert hat, kehren wir in einen ursprünglich astrophysikalischen Zwecken dienenden Kuppelraum ein, wo wir mehr über Klimafolgenforschung erfahren werden. Ihren Vortrag eröffnet Frau Martin mit ein paar schönen biographischen Anekdoten. Themen, die sie aktuell beschäftigen, sind planetare Grenzen, fossile Brennstoffe und klimatische Kipppunkte, an denen sich das globale Zusammenspiel unterschiedlicher Ökosysteme rapide verändern und sehr viel krisenhafter werden würde als bisher.

Die Geschichte das PIK reicht bis zum Anfang der 1990er Jahre zurück. Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber habe damals ein kleines Team versammelt, um die vielen Facetten des Klimawandels zu erforschen. 2015 habe das PIK schließlich rund 200 Mitarbeiter*innen gehabt. Es gibt hier vier Forschungsabteilungen: (1.) Die Erdsystemanalyse, die sich mit harten naturwissenschaftlichen Fakten beschäftigt, (2.) die Klimaresilienzforschung, die sich damit befasst, wie sich klimatische Veränderungen auf die Lebensbedingungen von Menschen auswirken, (3.) Transformationspfade, wo es um die Frage geht, wie sich ökonomischer Wohlstand erhalten lässt, wenn sich dessen ökologische Voraussetzungen verschieben und (4.) die Komplexitätsforschung, die das Zusammenspiel von sozialen, ökonomischen und ökologischen Systemen in den Fokus nimmt. Hier gehe es u.a. auch um künstliche Intelligenz.

Aktuell gibt es zwei Hauptthemen am PIK: Globale Gemeinschaftsgüter und planetare Grenzen. Bspw. die Atmosphäre teilen sich alle Menschen. Wenn bestimmte Ressourcen wie saubere Luft nicht mehr zur Verfügung stehen, hat das Auswirkungen für alle. Nachdem uns Frau Martin wichtige wissenschaftliche Grundlagen vermittelt und darauf hingewiesen hat, dass sich das Klima zwar schon immer verändert hat, aber nicht so wie aktuell, spricht sie ausführlicher über das Problem der Verbrennung fossiler Brennstoffe seit der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert und den Treibhauseffekt. Dieser sei zwar nicht neu und sogar notwendig für unser Überleben auf dem Planeten Erde, weil es sonst zu kalt für viele Lebensformen wäre. Zu Beginn der Industrialisierung hätte es jedoch in der Atmosphäre im Verhältnis zu einer Millionen anderen Teilchen (parts per million, kurz: ppm) 280 CO2-Moleküle gegeben. Aktuell wären es schon über 400 eine rapide ansteigende Zahl, die naturwissenschaftlich betrachtet einen enormen und auch gefährlichen Unterschied macht.   

Das Klima ist die Kleidung, die sich im Koffer befindet, das Wetter wiederum die Kleidung, die jeweils daraus entnommen wird, meint Frau Martin später. Das Klima beinhaltet mögliche Wetterlagen und Potentiale, die sich in ihm manifestieren und entfalten können. Bereits in den 1980er Jahren wurde von verschiedenen Seiten auf eine globale Verschiebung des Klimas hingewiesen, das nun eigentlich einen anderen Koffer erfordert, denkt Stefan, während er Frau Martins Ausführungen folgt. Gegenwärtig müssen wir uns in den meisten Regionen der Welt auf eine Häufung und Intensivierung extremer Wetterereignisse einstellen. Jetzt zeigt uns Frau Martin zentrale Marker des Klimawandels: Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die aktuell so hoch ist wie seit zwei Millionen Jahren nicht mehr, steigende Meeresspiegel, wegschmelzende Eismassen überall auf der Welt usw. Am PIK wird viel Forschung zu Kippelementen durchgeführt. Kipppunkte sind Schwellen im Klimasystem, die gravierende Umbrüche mit sich bringen und im schlimmsten Fall zum Kollaps ökologischer oder geophysikalischer Systeme führen. Frau Martin verweist auf das Übereinkommen von Paris (ÜvP) von 2015, in dessen Rahmen sich Politiker*innen aus aller Welt darauf geeinigt hatten, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um unter zwei Grad Erderwärmung gegenüber vorindustriellen Zeiten zu bleiben. Das ist eine Zielvorgabe, die leider gerade nicht wirklich umgesetzt wird. Neben Versäumnissen der Politik spielt hier leider auch unser individuelles Verhalten eine destruktive Rolle.

Am PIK wird ebenfalls interdisziplinäre Forschung bzgl. der Frage betrieben, wie innerhalb der planetaren Grenzen ein gutes Leben für alle gelingen kann. Voraussetzung hierfür ist, dass wir unsere Ernährung, unseren Konsum und unsere Mobilität grundlegend auf mehr Nachhaltigkeit umstellen. Ein weiterer Ansatz nennt sich Divestment. Hierbei handelt es sich um den Rückzug von Geldflüssen bspw. aus Sektoren, die in fossile Brennstoffe investieren. Am Ende ihres Vortrags erwähnt Frau Martin noch die Bewegung Scientists for Future, die sich der Verantwortung von Wissenschaftler*innen für klimapolitische Prozesse bewusst ist und sich entsprechend engagiert.

Nach unserem Applaus für Frau Martins ausführlichen Input steigen wir in die Diskussion ein. Thanh will wissen, auf welcher Basis zwei Grad Erderwärmung als Kipppunkt definiert werden, woraufhin Frau Martin auf komplexe Berechnungen verweist, die von Computern angestellt werden. Ein solcher Großrechner befindet sich im Keller eines der PIK-Gebäude und produziert im Winter auch Heizenergie. Vinh verweist in seinem Redebeitrag auf Simulationsmodelle, die zeigen, wie klimatische Verhältnisse an bestimmten Schwellen kippen. Steph will wissen, ob es nicht fairer wäre, Kipppunkte lokal statt global zu definieren, worauf Frau Martin mit dem Hinweis reagiert, dass es bei den globalen Kipppunkten darum geht, dass eine Ursache an einem Ort eben zum Kippen an einem anderen Ort und Auswirkungen wieder noch woanders führen kann. Stefan ist erstaunt über die Wechselwirkung sehr vieler Ökosysteme, die sich im Verlauf des aktuellen Klimawandels immer weiter verschiebt. Vinh macht sich Sorgen über die unter Leugner*innen der Klimakrise weit verbreitete Meinung, unser Klima hätte schon immer Schwankungen unterlegen, was Frau Martin nicht bestreitet. Gleichzeitig verweist sie auf die Tatsache des seit Längerem stattfindenden, beisspiellos schnellen Anstiegs der Kurve, die Durchschnittstemperaturen abbildet.

Später berichtet Thanh von der Idee, Meerwasser zu entsalzen, um daraus Trinkwasser zu gewinnen. Frau Martin erwidert, das sei zwar prinzipiell eine Option. In Regionen, die weiter weg vom Meer liegen, wäre dann aber der Transport sehr aufwendig und ökologisch wenig sinnvoll. Sophie will wissen, woran Frau Martin gerade forscht. Sie antwortet, sie beschäftige sich mit der erdgeschichtlichen Epoche des Holozäns, in dem sich viele Hochkulturen entwickelten und das zwölftausend Jahre dauerte. Demnächst würde ein neues Forschungspapier des PIK veröffentlicht, das aufzeigt, dass aktuell sechs von neun planetaren Grenzen bereits überschritten sind. Stefan fragt Frau Martin nach ihrer Einschätzung zum Beginn des Anthropozäns als Zeitalter des Menschen, das Geolog*innen zufolge auf das Holozän folgte. Sie meint, einen zeitlichen Anfang zu setzen sei ihr nicht so wichtig wie die Feststellung, dass wir uns gerade mitten in diesem Erdzeitalter befinden. Thanh berichtet kritisch von Festen in Vietnam, in denen das Anzünden von Puppen eine wichtige Rolle spielen. Hierauf meint Frau Martin, die Verbrennung von Material, das noch vor kurzem CO2 aus der Luft bezogen hat, sei weniger fatal als die Nutzung fossiler Brennstoffe, die über sehr viel längere Zeiträume unterirdisch sedimentiert wurden. Überhaupt findet sie es problematisch, andere Länder aus europäischer Perspektive über deren Umweltbewusstsein zu belehren. Gegen Ende unseres Austauschs mit Frau Martin erwähnt Vinh den Science Fiction-Traum, mit riesigen Schirmen im Weltraum Sonnenlicht abzufangen, um daraus Energie zu gewinnen. Frau Martin hält das für keine allzu gute Idee, weil diese Technologie zunächst sehr viel Energie verbrauchen und auch CO2 freisetzen würde. Außerdem würden noch Jahrzehnte vergehen, bis solche Projekte realisiert werden könnten. Bis dahin wären schon manche klimatische Kipppunkte überschritten und die Erderwärmung bei vier bis fünf Grad. Marinette findet es nicht gut, dass eine privilegierte Minderheit wichtige Entscheidungen trifft, um das Klima zu retten und dabei nur auf technologische Lösungen setzt.

Frau Martin stimmt ihr zu und unterstreicht, dass es nicht nur eine einzige Lösung für die Klimakrise gibt. Was aber definitiv  unabdingbar ist,  sei möglichst bald damit aufzuhören, fossilen Brennstoff aus der Erde ans Tageslicht zu holen und ihn energetisch zu nutzen. Zum Schluss bekommt die Workshopleiterin des heutigen Nachmittags noch einen letzten längeren Applaus. Nicht nur ihre Führung durch das Gelände des Albert Einstein Wissenschaftsparks in Potsdam und ihr zugleich lehrreicher und unterhaltsamer Vortrag zur Klimafolgenforschung, sondern auch die anschließende Diskussionsrunde haben uns alle sehr bereichert.

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (pik-potsdam.de)