Advents-Kino

Modul 3 – Nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung

7.12.2023

Während draußen die Reste des Schnees der letzten Tage tauen, treffen wir uns zum Abschluss des Jahres im Konferenzraum des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB) in Kreuzberg, um ein paar organisatorische Dinge zu besprechen und im Anschluss daran den Dokumentarfilm Unser täglich Brot (2005) des österreichischen Regisseurs Nikolaus Geyrhalter zu sichten und zu besprechen. Zur Begrüßung verteilt das Projektteam zunächst kleine Geschenke an die KliK-Gruppe, um sich bei den Mitgliedern für deren bisheriges Engagement zu bedanken. Im Anschluss daran gehen wir gemeinsam die Planungen für das kommende Jahr durch, in dem ab Februar zwei weitere Workshops und eine letzte Exkursion stattfinden sollen, bevor KliK am 15. Juni 2024 mit einem Fachtag abgeschlossen wird. In diesem Rahmen wird u.a. eine Broschüre vorgestellt werden, die neben den Berichten mit Soundcloud-Links aller Veranstaltungen auch Beiträge der Multiplikator*innen bspw. in Form von Skizzen und kurzen Texten enthalten soll. Sallaheddin hat bereits Drei Flöten-Soli für die Natur eingespielt, die wir uns zusammen anhören, bevor wir uns in der zweiten Hälfte des heutigen Treffens Geyrhalters filmischer Produktion widmen.

Unser täglich Brot handelt von industrieller Nahrungsmittelproduktion und zeigt in teils drastischen und nur schwer erträglichen Bildern, wie die maschinelle Ausbeutung von Tieren, Pflanzen und Böden eine Entfremdung menschlicher Arbeit mit sich bringt. Der Film kommt, von einer einzigen Dialogszene abgesehen, fast ohne Sprache und Off-Kommentare aus. Seine Bilder sprechen für sich: Wir sehen riesige Treibhäuser und schier endlose Felder der industriellen Landwirtschaft, aus denen massenweise monokulturell angebautes Obst und Gemüse extrahiert werden ebenso wie grausame Eindrücke aus Schlachthäusern, in denen im schnellen Takt der Fließbänder Tiere zu Fleisch verarbeitet werden. In der anschließenden Diskussion sind wir betreten und gehen zum Schluss eher traurig in die Winterpause, haben aber wieder viel gelernt, wie Marie Antoinette es bei unserer vorweihnachtlichen Verabschiedung formuliert.

Trailer zum Film auf der Homepage des Regisseurs



Exkursion 4: Die Ausstellungen „In the End, the Beginning“ und „POLY. A Fluid Show“ im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Neukölln)

Modul 1 – Grundlagen

15.11.2023

An einem kalten Novemberabend trifft sich die KliK-Gruppe im KINDL in Neukölln. In den Räumlichkeiten einer ehemaligen Brauerei werden seit 2016 temporäre Ausstellungen gezeigt. Heute führt uns Eda Nakiboglu durch die beiden Veranstaltungen „In the End, the Beginning“ und „POLY. A Fluid Show“. Anders als in den bisherigen KliK-Workshops widmen wir uns der Klimakrise heute auf eine eher abstraktere Weise, indem wir erfahren, wie Bildende Künstler*innen gegenwärtig visuell mit dem Thema umgehen.

Im Kesselhaus stellt uns Eda die beeindruckende Ausstellung „In the End, the Beginning“ der britischen Künstlerin Emma Talbot vor. Die Installation aus drei riesigen Seidenmalereien und einigen Objekten wurde extra für diese 20 Meter hohe Räumlichkeit des KINDL realisiert. Jedes der Textilien präsentiert eine bestimmte Szene: In der ersten greift Talbot die ökologischen und politischen Katastrophen unserer Gegenwart auf. In der zweiten geht es um natürliche Elemente, die beim Bewältigen der Klimakrise helfen können und die dritte Szene thematisiert die Möglichkeit des Wandels und das Potenzial für Veränderung. Talbot lädt dazu ein, sich zwischen den einzelnen Zuständen zu bewegen und wirft Fragen auf, die sich wie ein roter Faden durch unser KliK-Projekt ziehen: Wie kann es im aktuellen Krisenmoment weitergehen? Wie kann eine positive Transformation stattfinden? Und vor allem: Was können wir dafür tun?

Anschließend führt uns Eda durch die Gruppenausstellung „POLY. A Fluid Show“ im Maschinenhaus, an der neben Talbot auch Cibelle Cavalli Bastos, melanie bonajo, Elolo Bosoka, Kerstin Brätsch, Raquel van Haver, Toni Mauersberg, Thomias Radin, Na Chainkua Reindorf, Lorenzo Sandoval und Mikey Woodbridge mitgewirkt haben. Diese Ausstellung ist etwas loser an die Thematik unseres Projekts gekoppelt, steht jedoch in mehrerlei Hinsicht mit „In the End, the Beginning“ in Resonanz. In ihr geht es hauptsächlich um die Idee einer polyzentrischen Kultur, in der die Grenzen bspw. zwischen geographischen Regionen, Geschlechtern und Generationen verwischt werden und die auf der Homepage des KINDL der aktuell dominierenden Monokultur entgegengesetzt wird. Die Arbeiten, die wir jetzt sehen, sind ästhetisch durch verschiedene Mischverfahren („queering“) geprägt und zwischen Malerei, Skulptur und anderen Genres angesiedelt.

Heute erfahren wir, wie Bildende Künstler*innen aus unterschiedlichsten Kontexten die Klimakrise problematisieren. Diese Krise, das ist zumindest unser Eindruck, stellen manche von ihnen als materielle, ökologische und soziale Krise dar. Das tun sie in Form von Werken, die teilweise aus recycelten Stoffen bestehen und deren Verschmelzung mit digital erzeugten Materialien. Die beiden Aussstellungen zeigen ebenfalls, inwiefern aktuelle Gesellschaften durch postkoloniale Gewaltverhältnisse und einen eher nicht allzu empathischen Umgang von Menschen miteinander geprägt sind.

https://www.kindl-berlin.de/talbot

https://www.kindl-berlin.de/poly



Klausurtagung am 2./3. November 2023


Am 2. und 3. November 2023 traf sich das Team des Projekts „Nachhaltig informiert – Interkulturelles Netzwerk“ (NIIN) in den Räumlichkeiten des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg zu einer längeren Klausurtagung. In einem intensiven Austausch wurden die Jahresplanungen für den Projektverlauf an beiden Standorten besprochen und entwickelt. Weitere Punkte waren der jeweils aktuelle Stand der Themenfindung und Terminierung zusammen mit den Verbraucherzentralen. Außerdem ging es um die zurückliegenden Auftakttreffen mit den Multiplikator*innen in Berlin und Schleswig-Holstein sowie zukünftige Exkursionen. Darüber hinausgehend wurden ebenfalls technische Grundlagen für die Produktion der Podcasts und Videoclips in den Herkunftssprachen der Teilnehmenden diskutiert.

In gemütlicher Arbeitsatmosphäre tauschte sich das Projektteam über den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Verbraucher*innenschutz aus und entwickelte weitere Ideen zum Projekt.

Weitere Informationen: NIIN


KliK-Workshop 10: „Die Küche, das Bad und die Klimakrise”

von Gülcan Nitsch

(Yeşil Çember ökologisch interkulturell gGmbH)

16.10.2023

Modul 2 ­– Klimabewusster Haushalt

Eigentlich hätten wir uns heute in den Räumlichkeiten von Yeşil Çember im Wedding getroffen, um vor Ort über Chemikalien zu sprechen, die viele von uns in unseren Haushalten verwenden, die jedoch ebenso gesundheits- wie umweltschädlich sind. Aufgrund einer Erkrankung von Gülcan Nitsch haben wir uns spontan dazu entschieden, den von ihr geleiteten Workshop, den letzten in diesem Jahr, online via Zoom abzuhalten. Gülcan ist Gründerin und Geschäftsführerin von Yeşil Çember, was sich mit „Grüner Kreis“ ins Deutsche übersetzen lässt. Seit 2012 bemüht sich Gülcans Organisation darum, ein Bewusstsein für ökologische Themen und nachhaltiges Handeln v.a. in den Communities türkeistämmiger Bürger*innen zu vermitteln. Außerdem unterstützt Gülcan weiß-deutsche Umweltverbände bei ihren Öffnungsprozessen, etabliert europaweite ökologische Netzwerke und hat die Türkisch-Deutschen Umwelttage initiiert, die mittlerweile in vielen Städten stattfinden. Sie freut sich sehr auf den Austausch mit uns als KliK-Gruppe, weil wir heterogen sind und, so ihr Eindruck, in vergangenen Workshops bereits eine Menge an Wissen gewonnen haben, an das sie in der vor uns liegenden Veranstaltung anknüpfen will.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde kündigt Gülcan an, uns in den nächsten Stunden über problematische Inhaltsstoffe informieren zu wollen, die in vielen Putz- und Waschmitteln enthalten sind, die in Bädern und Küchen zum Einsatz kommen. Zu Beginn des Workshops gesteht Stefan, seine Waschbecken regelmäßig mit Chlor zu reinigen, um Kalkspuren zu entfernen und sie glänzen zu lassen. Gülcan findet das gar nicht gut und meint, es gäbe gesundheits- und umweltschonendere Substanzen, welche dieselben Effekte erzielen. Hierüber will sie uns heute aufklären und uns auch Rezepte nahelegen, anhand derer wir auf nachhaltige Weise unsere eigenen Reinigungsmittel produzieren können.

Die schlimmsten Inhaltsstoffe konventioneller Reinigungsmittel sind synthetische Tenside, Duftstoffe und Konservierungsstoffe. Synthetische Tenside werden aus der knappen Ressource Erdöl gewonnen. Obwohl sie laut einer EU-Verordnung „biologisch abbaubar“ sein müssen, ist diese nicht allzu strenge Vorgabe schon erfüllt, wenn nach vier Wochen 60% abgebaut sind. Eine Alternative zum Erdöl sind nachwachsende Rohstoffe wie bspw. Palmöl, dessen Verwendung ebenfalls nicht nachhaltig ist, weil es mit der Abholzung riesiger Regenwaldflächen im globalen Süden zusammenhängt. Deshalb bietet sich der Einsatz von Hausmitteln an, doch dazu später mehr. Duftstoffe wiederum können bei Menschen Allergien und Hautreizungen auslösen. Trotzdem finden sie sich in fast allen handelsüblichen Putz- und Waschmitteln sowie in Weichspülern.

Nur 26 besonders allergene Duftstoffe müssen ab einer Konzentration von 0,01 Prozent als solche deklariert werden. Über das Abwasser gelangen sie in ökologische Kreisläufe, wo sie nur schwer abbaubar sind. Für die Flora und Fauna sind sie reinstes Gift. Dasselbe gilt für antibakterielle Mittel: Sie enthalten Chlorverbindungen, die nicht nur die Atemwege reizen, sondern nachgewiesenermaßen zu hormonellen Änderungen und sogar Krebs führen können. Zusätzlich unterstützen sie leider die Resistenzen von Menschen nicht wohlgesonnenen Mikroorganismen. Selbst die besten Kläranlagen vermögen es nicht, sie restlos aus zukünftigem Trinkwasser herauszufiltern. Stark belastet wird das Abwasser unserer Städte und Gemeinden auch von Bleichmitteln, die mit Chlor wirken, wie die Flasche, die Stefan zu Beginn der heutigen Sitzung präsentiert hat. Natriumhypochlorid ist extrem umweltschädlich und u.v.a. WC-Reinigern, Rohrreinigern, Schimmelentfernern und Desinfektionsmitteln beigemischt. Auch optische Aufheller in Waschmitteln enthalten diese schädliche Substanz, die zu starken Reizungen führen kann, wenn entsprechende Kleidung mit sensibler Haut in Berührung kommt.

Ein weiteres Problem sind PFAS (wasser-, fett- und schmutzabweisende Chemikalien), die bspw. in Kosmetikprodukten, Verpackungen, beschichteten Bratpfannen und Regenjacken enthalten sind. Sie können ebenfalls nicht abgebaut werden und sind in vielerlei Hinsicht schädlich. Diesbzgl. verweist uns Gülcan auf einen interessanten NDR-Beitrag zum Thema. Jetzt zeigt uns Gülcan auf ihrem für unsere Zoom-Session geteilten Bildschirm ein Produkt, welches das Blauer Engel-Siegel trägt. Sie meint, dieses Label sei ein Indikator dafür, dass höhere Standards angelegt würden als nur die Verwendung nachwachsender Rohstoffe. Im Anschluss an ihre Ausführungen zu den vielen problematischen Komponenten herkömmlicher Reinigungsmittel verweist uns Gülcan auf die Internetseite utopia.de. Am Besten sei die Verwendung selbst produzierter Hausmittel, etwa von Waschmittel, das aus Kastanien hergestellt werden kann. Gülcan zeigt uns ein Rezept, das dieses für die aktuelle Jahreszeit sinnvolle Verfahren im Detail erklärt. Auch Geschirrspülmittel lässt sich einfach zu Hause machen. Benötigt werden hierfür nur biologische Kernseife, Wasser, Natron und ätherisches Öl.

Der vorletzte Block des heutigen Workshops ist der vom BUND e.V. angebotenen App ToxFox gewidmet, die wir alle auf unseren Smartphones installieren, bevor Gülcan uns darum bittet, damit die Barcodes von Kosmetikprodukten zu scannen, die wir nun aus unseren Bädern holen und in die Kameras unserer Laptops und Handys halten. Schnell wird uns klar, wie viele gesundheits- und umweltschädliche Substanzen auch in Kosmetikprodukten enthalten sind, die wir tagtäglich auf unserer Haut auftragen, mit denen wir uns ansprühen und unsere Zähne putzen. Obwohl sie zu manchen Produkten noch keine Informationen zur Verfügung stellen kann, wird die ToxFox-App kontinuierlich weiterentwickelt. Es gibt bereits eine Erweiterung, die es ermöglicht, damit Kinderspielzeug zu analysieren, das ebenfalls viele für Menschen, Tiere und Pflanzen ungesunde Komponenten enthalten kann.

Bevor wir unser Treffen mit der Beantwortung der Frage abschließen, was wir jeweils an unserem Konsumverhalten ändern würden, um der Klimakrise entgegenzuwirken, stellt uns Gülcan noch zwei Internetseiten vor. Zunächst den CO2-Rechner des Umweltbundesamtes und danach die Seite nachhaltiger-warenkorb.de, bei der es sich um einen Ratgeber für Umweltbewusstsein und sozialen Konsum handelt, von dem wir u.a. lernen können, dass 2.000 Liter Leitungswasser aus dem Hahn 1,8 Jahre lang als Trinkwasser reichen und 10 Euro kosten. Denselben Preis haben 18-72 Liter Flaschenwasser aus dem Supermarkt, die für nur sechs bis 24 Tage reichen, je nach konkretem Flaschenpreis und Marke. Am Ende verspricht Stefan, seine Waschbecken in Bad und Küche nie wieder mit Chlor reinigen zu wollen. Alle lachen. Der Rest der Gruppe macht konkrete Vorschläge, etwa Stoff- statt Plastiktüten zu benutzen, auf das Blauer Engel-Siegel zu achten, das Gelernte weiterzuerzählen, ToxFox beim Einkaufen zu verwenden, selber Waschmittel zu machen usw. Begeistert loggen wir uns aus, klappen unsere Laptops zu und machen Feierabend.

Yeşil Çember | Für ökologischen Wandel Menschen interkulturell bewegen (yesilcember.eu)



Exkursion 3: „Plastik-Plastik“ mit Jan-Micha Gamer von Kunst-Stoffe e.V. im Haus der Materialisierung

Modul 5 – Nachhaltiger Konsum

28.9.2023

Heute treffen wir Jan-Micha Gamer von Kunst-Stoffe – Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien e.V., der in der Repair-Szene engagiert ist und daneben für seinen Verein Workshops mit Menschen wie uns organisiert, die mehr über das Thema Re- und Upcycling erfahren wollen. Bevor wir uns später in einem Container versammeln und gemeinsam Skulpturen aus Plastikmüll erstellen werden, führt uns Jan-Micha zunächst durch das Gebäude, in dem viele Vereine wie der seine lokalisiert sind. Während wir durch Gänge und Räume voller Regale und Gegenstände schlendern, erzählt uns der Leiter des heutigen Workshops etwas zur Entstehungsgeschichte des Hauses der Materialisierung: Zu DDR-Zeiten war hier ein Teil der Büros des Hauses der Statistik beheimatet. 2018 kam es dann zu einer Zwischennutzung, die jetzt noch für ein weiteres Jahr andauern wird. Das Gebäude ist von Baustellen umgeben, die sich immer weiter ausdehnen, was auch der Grund dafür ist, dass der Hof bald geräumt werden muss, weil dort neue Immobilien entstehen sollen.

Im Haus der Materialisierung dreht sich alles um Materialströme. Hier können die Bürger*innen Berlins Textilien ebenso abgegeben wie Möbel und alle möglichen weiteren gebrauchten Alltagsgegenstände. Die hier ansässigen Initiativen und Organisationen wollen der Annahme entgegenarbeiten, Dinge müssten notwendig auf dem Müll landen, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben und ihre Zeit scheinbar abgelaufen ist. Jan-Micha zeigt uns eine Reihe von Methoden und Techniken, vermittels derer sich Konsumgüter wieder- und weiterverwerten lassen. Im Haus der Materialisierung werden bspw. aus alten Kleidungsstücken Theaterkostüme, aus alten Lampen Lichtinstallationen und aus alten Fahrrädern Skulpturen angefertigt. Neben solchen künstlerischen Praktiken gibt es hier aber auch Märkte, die regelmäßig geöffnet haben und auf denen Kund*innen relativ günstige Second Hand-Artikel finden können.

Nach rund einer Stunde folgen wir Jan-Micha, der einen mit Objekten aus Hartplastik und Plastikfolien, die wir teilweise selbst mitgebracht haben, gefüllten Einkaufswagen vor sich her schiebt, in einen Container nahe des Alexanderplatzes. Dort findet im Anschluss der praktische Teil der heutigen Veranstaltung statt. Nach den vielen interessanten Inputs während der Führung lernen wir nun, wie sich Plastikmüll bügeln, kleben und tackern lässt, um daraus Skulpturen zu erstellen. Jan-Micha meint, Plastik sei deshalb plastischer als andere Materialien, weil es sich relativ leicht thermisch verformen lasse. Schnell füllt sich der Tisch zwischen uns mit allerlei Objekten. Es entstehen ein Windrad, mehrere Blumen, ein Boot mit Passagieren an Bord, ein Herz aus Flaschenverschlüssen und vieles mehr. Als es draußen schon dunkel geworden ist, begeben wir uns auf den Heimweg. Die Exkursion und der anschließende Workshop haben großen Spaß gemacht.

https://hausdermaterialisierung.org/



Filmische Dokumentation der Veranstaltung.

KliK-Workshop 9: „Das Klima und wir”

von Dr. Maria Martin

(Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung e.V.)

8.9.2023

Modul 1 ­– Grundlagen

Nach der Sommerpause treffen wir uns heute mit Dr. Maria Martin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Wissenschaftspark Albert Einstein, wo auch andere Institute wie u.a. ein Standort des Deutschen Wetterdienstes beheimatet sind. Nachdem sie uns für rund eine Stunde durch das Gelände geführt und dessen bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte geschildert hat, kehren wir in einen ursprünglich astrophysikalischen Zwecken dienenden Kuppelraum ein, wo wir mehr über Klimafolgenforschung erfahren werden. Ihren Vortrag eröffnet Frau Martin mit ein paar schönen biographischen Anekdoten. Themen, die sie aktuell beschäftigen, sind planetare Grenzen, fossile Brennstoffe und klimatische Kipppunkte, an denen sich das globale Zusammenspiel unterschiedlicher Ökosysteme rapide verändern und sehr viel krisenhafter werden würde als bisher.

Die Geschichte das PIK reicht bis zum Anfang der 1990er Jahre zurück. Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber habe damals ein kleines Team versammelt, um die vielen Facetten des Klimawandels zu erforschen. 2015 habe das PIK schließlich rund 200 Mitarbeiter*innen gehabt. Es gibt hier vier Forschungsabteilungen: (1.) Die Erdsystemanalyse, die sich mit harten naturwissenschaftlichen Fakten beschäftigt, (2.) die Klimaresilienzforschung, die sich damit befasst, wie sich klimatische Veränderungen auf die Lebensbedingungen von Menschen auswirken, (3.) Transformationspfade, wo es um die Frage geht, wie sich ökonomischer Wohlstand erhalten lässt, wenn sich dessen ökologische Voraussetzungen verschieben und (4.) die Komplexitätsforschung, die das Zusammenspiel von sozialen, ökonomischen und ökologischen Systemen in den Fokus nimmt. Hier gehe es u.a. auch um künstliche Intelligenz.

Aktuell gibt es zwei Hauptthemen am PIK: Globale Gemeinschaftsgüter und planetare Grenzen. Bspw. die Atmosphäre teilen sich alle Menschen. Wenn bestimmte Ressourcen wie saubere Luft nicht mehr zur Verfügung stehen, hat das Auswirkungen für alle. Nachdem uns Frau Martin wichtige wissenschaftliche Grundlagen vermittelt und darauf hingewiesen hat, dass sich das Klima zwar schon immer verändert hat, aber nicht so wie aktuell, spricht sie ausführlicher über das Problem der Verbrennung fossiler Brennstoffe seit der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert und den Treibhauseffekt. Dieser sei zwar nicht neu und sogar notwendig für unser Überleben auf dem Planeten Erde, weil es sonst zu kalt für viele Lebensformen wäre. Zu Beginn der Industrialisierung hätte es jedoch in der Atmosphäre im Verhältnis zu einer Millionen anderen Teilchen (parts per million, kurz: ppm) 280 CO2-Moleküle gegeben. Aktuell wären es schon über 400 eine rapide ansteigende Zahl, die naturwissenschaftlich betrachtet einen enormen und auch gefährlichen Unterschied macht.   

Das Klima ist die Kleidung, die sich im Koffer befindet, das Wetter wiederum die Kleidung, die jeweils daraus entnommen wird, meint Frau Martin später. Das Klima beinhaltet mögliche Wetterlagen und Potentiale, die sich in ihm manifestieren und entfalten können. Bereits in den 1980er Jahren wurde von verschiedenen Seiten auf eine globale Verschiebung des Klimas hingewiesen, das nun eigentlich einen anderen Koffer erfordert, denkt Stefan, während er Frau Martins Ausführungen folgt. Gegenwärtig müssen wir uns in den meisten Regionen der Welt auf eine Häufung und Intensivierung extremer Wetterereignisse einstellen. Jetzt zeigt uns Frau Martin zentrale Marker des Klimawandels: Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die aktuell so hoch ist wie seit zwei Millionen Jahren nicht mehr, steigende Meeresspiegel, wegschmelzende Eismassen überall auf der Welt usw. Am PIK wird viel Forschung zu Kippelementen durchgeführt. Kipppunkte sind Schwellen im Klimasystem, die gravierende Umbrüche mit sich bringen und im schlimmsten Fall zum Kollaps ökologischer oder geophysikalischer Systeme führen. Frau Martin verweist auf das Übereinkommen von Paris (ÜvP) von 2015, in dessen Rahmen sich Politiker*innen aus aller Welt darauf geeinigt hatten, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um unter zwei Grad Erderwärmung gegenüber vorindustriellen Zeiten zu bleiben. Das ist eine Zielvorgabe, die leider gerade nicht wirklich umgesetzt wird. Neben Versäumnissen der Politik spielt hier leider auch unser individuelles Verhalten eine destruktive Rolle.

Am PIK wird ebenfalls interdisziplinäre Forschung bzgl. der Frage betrieben, wie innerhalb der planetaren Grenzen ein gutes Leben für alle gelingen kann. Voraussetzung hierfür ist, dass wir unsere Ernährung, unseren Konsum und unsere Mobilität grundlegend auf mehr Nachhaltigkeit umstellen. Ein weiterer Ansatz nennt sich Divestment. Hierbei handelt es sich um den Rückzug von Geldflüssen bspw. aus Sektoren, die in fossile Brennstoffe investieren. Am Ende ihres Vortrags erwähnt Frau Martin noch die Bewegung Scientists for Future, die sich der Verantwortung von Wissenschaftler*innen für klimapolitische Prozesse bewusst ist und sich entsprechend engagiert.

Nach unserem Applaus für Frau Martins ausführlichen Input steigen wir in die Diskussion ein. Thanh will wissen, auf welcher Basis zwei Grad Erderwärmung als Kipppunkt definiert werden, woraufhin Frau Martin auf komplexe Berechnungen verweist, die von Computern angestellt werden. Ein solcher Großrechner befindet sich im Keller eines der PIK-Gebäude und produziert im Winter auch Heizenergie. Vinh verweist in seinem Redebeitrag auf Simulationsmodelle, die zeigen, wie klimatische Verhältnisse an bestimmten Schwellen kippen. Steph will wissen, ob es nicht fairer wäre, Kipppunkte lokal statt global zu definieren, worauf Frau Martin mit dem Hinweis reagiert, dass es bei den globalen Kipppunkten darum geht, dass eine Ursache an einem Ort eben zum Kippen an einem anderen Ort und Auswirkungen wieder noch woanders führen kann. Stefan ist erstaunt über die Wechselwirkung sehr vieler Ökosysteme, die sich im Verlauf des aktuellen Klimawandels immer weiter verschiebt. Vinh macht sich Sorgen über die unter Leugner*innen der Klimakrise weit verbreitete Meinung, unser Klima hätte schon immer Schwankungen unterlegen, was Frau Martin nicht bestreitet. Gleichzeitig verweist sie auf die Tatsache des seit Längerem stattfindenden, beisspiellos schnellen Anstiegs der Kurve, die Durchschnittstemperaturen abbildet.

Später berichtet Thanh von der Idee, Meerwasser zu entsalzen, um daraus Trinkwasser zu gewinnen. Frau Martin erwidert, das sei zwar prinzipiell eine Option. In Regionen, die weiter weg vom Meer liegen, wäre dann aber der Transport sehr aufwendig und ökologisch wenig sinnvoll. Sophie will wissen, woran Frau Martin gerade forscht. Sie antwortet, sie beschäftige sich mit der erdgeschichtlichen Epoche des Holozäns, in dem sich viele Hochkulturen entwickelten und das zwölftausend Jahre dauerte. Demnächst würde ein neues Forschungspapier des PIK veröffentlicht, das aufzeigt, dass aktuell sechs von neun planetaren Grenzen bereits überschritten sind. Stefan fragt Frau Martin nach ihrer Einschätzung zum Beginn des Anthropozäns als Zeitalter des Menschen, das Geolog*innen zufolge auf das Holozän folgte. Sie meint, einen zeitlichen Anfang zu setzen sei ihr nicht so wichtig wie die Feststellung, dass wir uns gerade mitten in diesem Erdzeitalter befinden. Thanh berichtet kritisch von Festen in Vietnam, in denen das Anzünden von Puppen eine wichtige Rolle spielen. Hierauf meint Frau Martin, die Verbrennung von Material, das noch vor kurzem CO2 aus der Luft bezogen hat, sei weniger fatal als die Nutzung fossiler Brennstoffe, die über sehr viel längere Zeiträume unterirdisch sedimentiert wurden. Überhaupt findet sie es problematisch, andere Länder aus europäischer Perspektive über deren Umweltbewusstsein zu belehren. Gegen Ende unseres Austauschs mit Frau Martin erwähnt Vinh den Science Fiction-Traum, mit riesigen Schirmen im Weltraum Sonnenlicht abzufangen, um daraus Energie zu gewinnen. Frau Martin hält das für keine allzu gute Idee, weil diese Technologie zunächst sehr viel Energie verbrauchen und auch CO2 freisetzen würde. Außerdem würden noch Jahrzehnte vergehen, bis solche Projekte realisiert werden könnten. Bis dahin wären schon manche klimatische Kipppunkte überschritten und die Erderwärmung bei vier bis fünf Grad. Marinette findet es nicht gut, dass eine privilegierte Minderheit wichtige Entscheidungen trifft, um das Klima zu retten und dabei nur auf technologische Lösungen setzt.

Frau Martin stimmt ihr zu und unterstreicht, dass es nicht nur eine einzige Lösung für die Klimakrise gibt. Was aber definitiv  unabdingbar ist,  sei möglichst bald damit aufzuhören, fossilen Brennstoff aus der Erde ans Tageslicht zu holen und ihn energetisch zu nutzen. Zum Schluss bekommt die Workshopleiterin des heutigen Nachmittags noch einen letzten längeren Applaus. Nicht nur ihre Führung durch das Gelände des Albert Einstein Wissenschaftsparks in Potsdam und ihr zugleich lehrreicher und unterhaltsamer Vortrag zur Klimafolgenforschung, sondern auch die anschließende Diskussionsrunde haben uns alle sehr bereichert.

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (pik-potsdam.de)




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Exkursion 2: „Die Klima-Monologe“ von Michael Ruf im Heimathafen Neukölln

9.7.2023

Modul 1 – Grundlagen: Klimawandel, Klimaschutz, Klimagerechtigkeit

Heute Abend besuchen wir gemeinsam eine Aufführung des dokumentarischen Theaterstücks Die Klima-Monologe des weißen Regisseurs Michael Ruf. „Dürren, Überschwemmungen, Stürme. Unbewohnbare Zonen und Verteilungskämpfe breiten sich aus. Das Zeitfenster, das noch zum Handeln bleibt, wird immer kleiner“, heißt es im Ankündigungstext auf der Homepage des Heimathafens Neukölln, wo die Produktion schon seit November letzten Jahres zu sehen ist.

Bevor er mit den Proben begonnen hat, führte Ruf Interviews vor allem mit Menschen des globalen Südens. In ihnen erzählten sie ihm, wie sie die Klimakrise auf jeweils spezifische Weise erleben: Manchen werden seit vielen Jahren regelmäßig lebensnotwendige Ernten vernichtet, andere leiden an Hunger bzw. Unterernährung oder haben durch Naturkatastrophen sogar ihre Häuser oder Familienangehörigen verloren. Viele sind auf der Flucht in Länder, die noch bewohnbarer sind als die Regionen, aus denen sie aufgrund der Erderwärmung geflohen sind.

Die Schauspieler*innen, größtenteils People of Color, die nebeneinander an der Bühnenrampe positioniert sind, sprechen die Texte, die Ruf im Vorfeld transkribiert und miteinander montiert hat, auf zugleich distanzierte und einfühlsame Weise, zwischendurch immer wieder begleitet von zwei Musiker*innen, die im Hintergrund auf einem Klavier und einem Cello traurige Melodien spielen. Schnell sind die Zuschauer*innen im Saal emotional ergriffen, manche sogar zu Tränen gerührt. Nach dem Applaus betritt der Regisseur die Bühne und geht für etwa eine Dreiviertelstunde mit zwei Gästen der Frage nach, was wir jeweils in unserem Alltag tun können, um zu vermeiden, dass in den nächsten Jahren folgenreiche Kipppunkte überschritten werden, durch die sich extreme Wetterereignisse überall auf der Welt multiplizieren würden.

Nachdenklich verabschieden wir uns am Ende in die Sommerpause und freuen uns trotz allem auf unser Wiedersehen am 8. September im Rahmen des neunten KliK-Workshops am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) e.V.

https://heimathafen-neukoelln.de/events/die-klima-monologe/


Quelle: Der YouTube-Kanal des Tagesspiegels.

Fachtag „Schon gewusst? –Multiplikator*innenansätze im Verbraucher*innenschutz“

Am 26. Mai 2023 fand in Berlin der Fachtag „Schon gewusst? – Multiplikator*innenansätze im Verbraucher*innenschutz“ statt. Die Veranstaltung wurde im Rahmen des Projektes „„INV – Interkulturelles Netzwerk für und von Verbraucher*innen“ organisiert und im Intercity Hotel Berlin Hauptbahnhof durchgeführt. Auf dem Fachtag wurden die bisherigen Ergebnisse des vom Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) in Kooperation mit der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein (TGSH) durchgeführten Projektes präsentiert. Die Tagesmoderation übernahm Jörg Lanca (administrative Leitung TBB).

In ihrer Begrüßung und Projektvorstellung betonte Projektleiterin Ayşe Demir, dass es von großer Bedeutung und sehr erfreulich sei, die Multiplikator*innen mit dem in den Schulungen erworbenen Wissen dazu zu befähigen, dieses Wissen selbstständig an ihre Communities weiterzugeben. Der Multiplikator*innenansatz – also mit dem Einsatz von Multiplikator*innen Informationen weiterzugeben und sie bei der Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Verbraucherzentralen zu unterstützen, habe sich erneut als eine produktive Methode zur Informationsweitergabe bewährt.

Anschließend richtete Herr Ministerialdirigent Rainer Ettel vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz ein Grußwort an die Anwesenden. Er betonte die Relevanz solcher Projekte, die dazu beitragen, Themen des Verbraucher*innenschutzes an migrantische Zielgruppen heranzutragen. Hierauf überreichte Herr Ettel den Multiplikator*innen ihre Teilnahmebescheinigungen. Von Ayşe Demir und PD Dr. Stefan Hölscher (Projektkoordination Berlin) bekamen sie Geschenke und Blumensträuße. Im Anschluss daran stellte Herr Hölscher den Wegweiser vor, der aus Gründen der Nachhaltigkeit diesmal nur digital als Flipbook zur Verfügung gestellt wird, um den Multiplikator*innen praktische Hinweise zu den drei Schwerpunktthemen „Energie sparen“, „Online-Shopping“ und „Verträge von Energieversorgern“ zu geben. Teil des Wegweisers sind auch Links zu relevanten Beratungsstellen.

Vor der Mittagspause berichteten Multiplikator*innen aus beiden Standorten des Projekts unter dem Titel „Mit- und voneinander lernen“ von ihren Erfahrungen im Projekt. Dabei stimmten sie darin überein, dass das Erlernte ihr eigenes Verhalten als Verbraucher*innen nachhaltig geprägt hat. Im Rahmen von INV wurden in den letzten drei Jahren in Berlin und Schleswig-Holstein Multiplikator*innen aus unterschiedlichen Communities und Sprachräumen durch Expert*innen der Verbraucherzentralen Berlin und Schleswig-Holstein zu unterschiedlichen Themen des Verbraucherschutzes geschult. An beiden Standorten haben jeweils zwölf Schulungen stattgefunden. Zusätzlich gab es noch eine überregionale Schulung. Des Weiteren haben alle Multiplikator*innen in ihren Vereinskontexten Informationsveranstaltungen in ihren Herkunftssprachen realisiert. Bis zum Abschluss des Projektes Ende Juni 2023 werden alle Multiplikator*innen jeweils mindestens fünf solcher Informationsveranstaltungen durchgeführt haben.

Im weiteren Verlauf des Tages wurde zunächst in zwei Arbeitsgruppen über die Themen „Energie sparen“ (Input: Prof. Dr. Daniela Wrzesniak, Verbraucherzentrale Berlin, Moderation: PD Dr. Stefan Hölscher) und „Überschuldung“ (Input: Marco Rauter, AWO Berlin, Moderation: Songül Barış) gesprochen. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppen wurden anschließend von jeweils drei Multiplikator*innen in großer Runde präsentiert. Nach einer kurzen Kaffepause mündete der Fachtag in eine von Herrn Lanca geleitete Fishbowl mit dem Titel „Spezielle Herausforderungen für Verbraucher*innen seit der Pandemie“, an der die Anwesenden rege teilnahmen. Alle waren sich darüber einig, dass sich der Multiplikator*innenansatz sehr gut eignet, um spezifische Zielgruppen besser zu erreichen: Der Zugang zu Migrant*innenorganisationen ist unerlässlich, um heterogene Communities zu sensibilisieren und in ihnen ein selbstbewusstes Verbraucher*innenverhalten zu entwickeln.



KliK-Workshop 8: „Floating University Berlin – Hybride Infrastruktur und Natur-Kultur Lernort”

von Silja Teresa Huppertz

(Floating e.V.)

8.6.2023

Modul 4 ­– Natur im Kiez

Mit rund 30 Grad Celsius ist es heute sehr heiß für einen Berliner Nachmittag im frühen Juni. Im Regenrückhaltebecken des ehemaligen Tempelhofer Flughafens, in dem sich wegen der Trockenheit der letzten Wochen aktuell fast kein Wasser befindet, begrüßt uns Teresa. Sie erzählt uns, dass erste Initiativen zur Gestaltung des Geländes vor rund zehn Jahren vom raumlaborberlin kamen, einem Kollektiv von Architekt*innen, das 2021 auf der Kunstbiennale in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat. Teresas Verein ist dann 2017 mit dem Ziel gegründet worden, das Areal zwischen Tempelhofer Feld und Hasenheide längerfristig als hybriden Ort des gemeinsamen Lernens verschiedener ökologischer Praktiken zu nutzen. Im Hintergrund hören wir zahlreiche Krähen, die hier leben. Leider darf sich die Floating University nicht als solche bezeichnen, obwohl sie in der Tat ein alternativer Lernort ist, in den alle ihre jeweilige Expertise einbringen können. Heute gibt es keinen Schilfgürtel mehr, so dass Wasser, wenn es denn mal regnet, noch schneller abfließt als zuvor.

Insgesamt befindet sich hier alles im Fluss: Die Gebäude und Pavillons, die Holzstege dazwischen, die Veranstaltungsformate, die Praktiken, die Menschen. Teresa führt uns zu einem der vergitterten Tunneleingänge, wo wir Pfützen sehen und Frösche hören, die sich davor angesiedelt haben. Unser weiterer Weg führt uns an einem Insektenhaus und einer Sauna vorbei, vor der gerade jemand Pflanzen gießt. Teresa meint, früher wäre dieser Raum für Ausstellungen genutzt worden. Dann passieren wir den Garten des schlechten Gewissens, der letztes Jahr im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit dem Goethe-Institut angelegt worden sei, um Emissionen auszugleichen.

Jetzt betreten wir ein zweigeschössiges Holzhaus, das ursprünglich für eine Ausstellung im Haus der Kulturen der WELT (HKW) errichtet wurde und dann hierher umgezogen ist. Der sogenannte Urban Forest dient Floating e.V. als Arbeits- und Versammlungsraum. Außerdem finden hin und wieder Workshops in ihm statt – demnächst einer zu verschiedenen Methoden des Kompostierens. Nachdem wir uns an einem größeren Konferenztisch länger über kommende Veranstaltungen der Floating University ausgetauscht haben, führt Teresa uns über eine kleine Brücke zu den Toiletten. In der Mitte zwischen den einzelnen Kabinen ist ein Wasserbecken installiert worden, das Regenwasser speichert. Der Hahn zum Händewaschen und mehrere Gießkannen sind ebenfalls hier, so dass keine weiteren Ressourcen für die Spülung verbraucht werden müssen. Später bemerkt Vinh in der Nähe leere Badewannen, die sich neben einem der Holzstege befinden und von einem Kunstprojekt stammen.

Teresa sagt uns, die gegenseitige „Bestäubung“ von Ideen und Praktiken sei enorm wichtig für die Floating University als Prozess aller an ihr Beteiligten. Sie zeigt uns die Küche und sagt, das Konzept der Permakultur, also die Selbstregulierung von Ökosystemen, spiele ebenfalls eine wichtige Rolle für ihren Verein. Bevor wir in der Bar eine kurze Pause einlegen und uns mit kalten Getränken eindecken, zeigt uns Teresa noch Schläuche, durch die das Wasser vom Regenrückhaltebecken zu verschiedenen Orten auf dem Gelände wie bspw. dem Kids Pool gepumpt und auch gefiltert werden kann. Nach der Pause bilden wir im überdachten Auditorium einen Stuhlkreis. Unsere Workshopleiterin zeigt uns einen Baum, der dort steht. Sie erzählt, dass er eigentlich zusammen mit dem Schilfgürtel entfernt hätte werden sollen, dann aber hierher umgepflanzt und so gerettet wurde.

Nun beginnt der Praxisteil des heutigen Tages. Wir werden dazu aufgefordert, für fünf Minuten die Augen zu schließen und uns auf unsere akustische Wahrnehmung zu konzentrieren. Remzi bittet darum, aufgeweckt zu werden, sollte er dabei einschlafen. Wie sich schnell herausstellt, ist die folgende Stille voller Geräusche. Neben den anderen Menschen, Krähen und weiteren Vögeln auf dem Gelände sowie entfernten Kirchenglocken hören wir Insekten und seichten Wind. Teresa schildert, die Methode des Deep Listening helfe dabei, sich die Hybridität von Orten bewusst zu machen, die von vielen Lebensformen gleichzeitig bewohnt werden und zwischen Natur und Kultur angesiedelt sind. Auf einem Tisch liegen Papier und Stifte bereitet. Wir haben die Aufgabe, in der nächsten halben Stunde die jeweiligen Erfahrungen, die wir gerade gemacht haben, zur Darstellung zu bringen: Das könnten Texte oder Zeichnungen sein, aber auch Skizzen und andere Formen sind möglich. „Freiwillige vor“, meint Teresa später, bietet an, unsere Werke auf der Homepage der  Floating University zu veröffentlichen und fragt, wer von uns mit der Präsentation beginnen mag. Auf dem Boden in der Mitte unseres Stuhlkreises liegen eine Reihe von Zeichnungen, über die wir uns zunächst austauschen. Den Anfang macht dann Valentina mit ihrem Märchen über einen von Betonierung bedrohten, bühnenscheuen Baum und eine in ihm lebende Maus. Marie Antoinette lässt das an die massive Abholzung des Regenwalds in Kamerun u.a. für europäische Möbelfirmen denken, was uns wiederum dazu bringt, kurz über den in Geld bemessenen Wert von Bäumen zu sprechen. Daraufhin verliest Sallaheddin einen poetisch gestalteten Erfahrungsbericht, gefolgt von Elizabeth, die ein auf Englisch verfasstes Gedicht vorträgt und Marie Antoinette mit einem französischen Prosatext. Schließlich stellt Ali ein auf Deutsch und Arabisch formuliertes Erfahrungsprotokoll vor. Der heutige Workshop lässt uns erkennen wie wichtig es ist, ökologische Zusammenhänge nicht nur zu verstehen, sondern auch ästhetisch zu erleben. So bekommt dann am Ende Teresa einen längeren Applaus, weil sie uns in den letzten Stunden dazu angehalten hat, auf sehr besondere und auch schöne Weise von- und miteinander zu lernen.

FLOATING BERLIN (floating-berlin.org)




KliK-Workshop 7: „Reparieren als ökologisch-soziale Praxis“

von Norbert Boenigk, Anya Geisthardt und Manuel Schröder

(NOCHMALL / Repair Café Reinickendorf)

11.5.2023

Modul 2 ­– Klimabewusster Haushalt / Modul 5 – Nachhaltiger Konsum

Jeden Donnerstag von 15:00 bis 19:30 findet in der NOCHMALL in Reinickendorf ein Repair Café statt, in dessen Rahmen sich Berliner Bürger*innen versammeln, um unter Anleitung sachkundiger Ehrenamtlicher defekte Haushaltsgeräte wie Lampen, Staubsauger oder Lautsprecher zu reparieren. Es gibt sowohl nationale als auch internationale Netzwerke, in denen sich Menschen organisieren, die sowohl aus ökologischen als auch aus sozialen Gründen weniger Dinge wegwerfen wollen, indem sie diese in einer gemeinsamen Praxis des von- und miteinander Lernens wieder in Stand setzen. Wer mehr über die Geschichte dieser Bewegung erfahren will, kann hier eine Open Access-Publikation dazu lesen, auf die uns Manuel Schröder im Vorfeld des heutigen Workshops hingewiesen hat.

Bevor wir ihn und Norbert Boenigk in der Werkstatt im 1. Stock treffen, um nach einer Einführung ins Thema durch Manu zusammen zu Schrauben und Norbert beim Löten über die Schulter zu schauen, treffen wir am Eingang der NOCHMALL Anya Geisthardt, die uns durch das erste Gebrauchtwarenkaufhaus Berlins führen und dessen Unterschiede zu Sozialkaufhäusern erklären wird. Zunächst gehen wir in die Warenannahme, wo Anya uns erzählt, dass hier täglich neben alten Möbeln acht große Kisten mit Kleidung, Medien und Elektrogeräten abgegeben werden, von denen allerdings jeweils zwei entsorgt werden müssen, weil sie sich leider nicht mehr aufbereiten und nochmals verkaufen lassen. In der Waschstraße wird der in der NOCHMALL abgegebene Hausrat gesäubert und für den Verkauf vorbereitet, wobei für Geschirr Einheitspreise von bspw. einem Euro pro Glas gelten. Rodrigue findet heraus, dass Ordner denselben Preis haben. Marie Antoinette findet eine alte ghanaische Maske, deren monetären Wert Anya auf 12-15 Euro schätzt. Jetzt führt sie uns am Textilbereich vorbei in den Elektronikbereich, wo alle Geräte, die in den Verkauf gehen, ein Prüfsiegel erhalten. Auf sie gibt es dann ein Jahr Garantie.

Nachdem wir ein altes Fahrrad passiert haben, erkundigen sich Elizabeth und Marinette nach Rabattaktionen für Vereine. Thanh will wissen, seit wann die NOCHMALL in Betrieb ist. Anya meint, die Ladenfläche sei im August 2020 eröffnet worden und würde bis 2027 vermittels einer Anschubfinanzierung durch die BSR unterstützt, müsse jedoch bis dahin schwarze Zahlen schreiben. Den größten Umsatz mache sie aktuell mit Möbeln. Jetzt gehen wir in die Spielwarenabteilung, wo wir erfahren, dass die NOCHMALL eine heterogene Kundschaft habe.

Im Anschluss besuchen wir die Textilabteilung, wo wir erneut über den Unterschied zwischen Gebraucht- und Sozialkaufhäusern sprechen und kurz an einem wiederaufbereiteten Holzschredder pausieren, um dann den Green Brands-Bereich zu betreten, wo höherpreisige Upcycling-Produkte angeboten werden, wie Thanh schnell bemerkt. Bisher haben wir uns im Erdgeschoss der NOCHMALL aufgehalten. Nun begeben wir uns in den 1. Stock. Zuvor entdeckt Sallaheddin am Treppenabsatz ein altes Klavier. Oben ist die Medienabteilung, in der sich neben Büchern auch CDs, DVDs und andere Datenträger befinden. Gegen Ende der Führung kehren wir im Café ein, wo Gemälde hängen, die wie manche der Möbel dort ebenfalls verkäufliche Produkte sind. Zuletzt führt uns Anya in die daneben liegende Werkstatt, wo das Repair Café situiert ist und unser heutiger Workshop mit Manu und Nobert stattfinden wird. Hier ist auch eine Bühne, auf der regelmäßig Auktionen stattfinden, wobei es die NOCHMALL während ihrer Eröffnung mitten in der Pandemie nicht einfach gehabt habe.

Nach einem Applaus für Anya übernehmen jetzt Manu und Norbert. Manus Einführung fokussiert die Verschränkung der ökologischen und sozialen Aspekte der Praxis des kollektiven Reparierens, darf jedoch leider nicht mitgeschnitten oder anderweitig dokumentiert werden. Während ein Teil der Gruppe noch seinen Worten lauscht, begibt sich ein anderer zu Norberts Arbeitstisch, wo er gerade eine Stehlampe repariert, die Stefan mitgebracht hat. Zwischendurch präsentiert ihm eine andere Teilnehmerin des heutigen Repair Cafés einen alten Laptop, dessen Bildschirm nur noch Streifen zeigt, was Norbert auf eine defekte Grafikkarte zurückführt. Sein Motto sei „Machen, nicht quatschen“. Vinh überreicht ihm einen französischen Mixer aus den 1960er Jahren, den er aufschraubt, um sein Inneres näher zu begutachten. Er selbst würde immer wieder Neues lernen, wenn er ein Gerät öffne und seine Funktionsweise analysiere. Auf Sophies Frage hin, was er besonders gerne repariere, antwortet Norbert, ihm graue es vor nichts. Nachdem auch Vinhs Gerät wieder läuft, wirft er wie alle anderen zuvor Geld in eine Spendenkasse. Mehrere Mitglieder der KliK-Gruppe sind nach dem heutigen Tag fest entschlossen, sich bald aktiv an Repair Cafés in ihren Kiezen zu beteiligen. Elizabeth bspw. will dort ihre Expertise mit Computerplatinen einbringen, da sie früher ganze Rechner eigenständig zusammengebaut habe. Der heutige Tag hat sich also gelohnt und wird weitere Effekte zeitigen.

NochMall Gebrauchtwarenkaufhaus | NochMall – Das Gebrauchtwarenkaufhaus der BSR